Prosa der Aufklärung

Nach den Erfolgen von Pierre Bayle und Fontenelle hielten die Wissenschaft und die Philosophie Einzug in die Literatur. Die großen Philosophen des 18. Jahrhunderts Montesquieu, Voltaire, Diderot und Jean-Jacques Rousseau nutzten die literarische Form, um ihre Ideen für breitere Massen verständlich zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen war die Gattung der Prosa am Besten geeignet, die auf globale Betrachtungsweisen verzichtete und das Individuum in den Mittelpunkt der Handlung stellte. Die subjektiven Ansichten und Gefühle der handelnden Personen rücken in den Mittelpunkt der Erzählung und ermöglichen eine kritische Sichtweise der Gesellschaft. Formal gesehen wurde vorzugsweise die Erzählung in Ich-Form verwendet (Brief- und Memoirenromane, fiktive Reiseberichte…), um die Authentizität noch zu verstärken. Das beste Beispiel für diese Art der Literatur sind die Persischen Briefe von Montesquieu, in denen zwei Perser nach Europa reisen und in Briefform über ihre Reiseeindrücke berichten. Mit komisch-satirischen Elementen werden die herrschenden gesellschaftlichen und politischen Zustände in Frankreich verdeutlicht. Montesquieu war jedoch kein Satiriker, sondern Philosoph und seine Beschreibungen der Gesellschaft enthalten tiefgreifende Ideen über Willkürherrschaft, Krieg, Adelsprivilegien usw. In ernsthafter Form beschäftigte er sich mit gesellschaftlichen Problemen in seinem Hauptwerk Geist der Gesetze, das die Soziologie in die Literatur einführte und die absolute Monarchie in Frage stellte. Der Einfluss seines Werkes reichte bis in die ersten Jahre der Französischen Revolution und wurde erst durch Rousseau’s radikalere Ideen abgelöst. Jean-Jacques Rousseau machte die existierende Gesellschaftsstruktur für den Verlust der „natürlichen“ Eigenschaften des Menschen verantwortlich. Er wollte die Gesellschaft reformieren, indem er das Gemeinwohl an erste Stelle erhob und das Volk als Entscheidungs- und Kontrollorgan einsetzte. Im krassen Gegensatz zur Vernunftphilosophie forderte er, dass die Menschen sich von ihren Gefühlen leiten lassen. Auch sein Leben und seine literarischen Werke suchte Rousseau in Einklang mit seinen Theorien zu bringen. Im Briefroman Nouvelle Héloïse öffnete er seinen Lesern eine einzigartige Gefühlswelt mit Zärtlichkeit, Liebe und Trauer. Rousseau’s Verneinung der Vernunft brachte ihn nach anfänglicher Mitarbeit an der Enzyklopädie in Konflikt mit den Herausgebern Diderot und d’Alembert.

Die Enzyklopädie der Wissenschaften, Künste und Gewerbe war ein 35-bändiges Kollektivwerk, das alle bedeutenden Aufklärer als Mitarbeiter gewinnen konnte. Diderot war der verantwortliche Redakteur und widmete diesem Werk 20 Jahre seines Lebens. Der berühmte Mathematiker und Physiker d’Alembert wurde mit der Redaktion des mathematischen Teils beauftragt. Voltaire und Holbach schrieben mehrere philosophische Artikel. Außerdem zählten Rousseau, Marmontel, Quesnay und Turgot zu den Mitarbeitern der Enzyklopädie. Die erklärten Ziele des Werkes waren sowohl die Darstellung der aktuellen Kenntnisse aus allen Bereichen der Wissenschaft, Kunst und Lebenspraxis, als auch die Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Bereichen. Auf der Basis naturwissenschaftlicher Theorien wurde der Mensch mit seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen in den Mittelpunkt gestellt und somit die göttliche Macht und der absolutistische Staat als Garanten der menschlichen Existenz in Frage gestellt. Die Erscheinung der ersten Bände der Enzyklopädie rief heftige Reaktionen aus allen Schichten der Gesellschaft hervor und spaltete Frankreich in zwei Lager. Die Aufklärer unterstützten einhellig die Ideen der Enzyklopädie und waren die Wegbereiter für die Französischen Revolution, während die Antiphilosophen das Werk mit allen Mitteln kritisierten und nach 1789 meist zum Lager der Gegenrevolution gehörten.

Natürlich gab es in der Literatur des 18. Jahrhunderts neben den Philosophen auch mehrere Romanautoren, zu denen als wichtigste Vertreter Lesage, Marivaux und Abbé Prévost zählten. Ihre Romane zeigen realitätsnah die gebräuchlichen Sitten in der Gesellschaft, ohne sich sozialen Konventionen zu unterwerfen. So z.B. beschreibt Abbé Prévost in Manon Lescaut den Sieg der leidenschaftlichen Liebe über alle gesellschaftlichen und religiösen Normen. Der kleinadlige und konservativ erzogene Des Grieux wird im Verlauf des Romans zum Betrüger, Spieler und Duellant, der auf seine Karriere und seine Ehre verzichtet, um mit seiner Geliebten Manon zusammenzubleiben. Manon ihrerseits ist weit vom Ideal einer Geliebten aus der vorhergehenden Epoche entfernt. Sie ist sittlich verwerflich, begierig nach Luxus und unfähig zur Treue. Die Liebe wird erstmals nicht mehr idealisiert, sondern neben Glücksgefühlen beschreibt Abbé Prévost auch Schmerz und Leiden einer Liebesbeziehung. Diese Überwindung der gesellschaftlichen Konventionen in der Literatur und die Öffnung zur realitätsnahen Darstellung der Gesellschaft beeinflusste nicht nur die zeitgenössischen Schriftsteller, sondern prägte auch zum Teil die Entwicklung der Prosa des 19. Jahrhunderts.

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