Molière

=Jean-Baptiste Poquelin
 
Geburtsdatum: 14. Januar 1622
Geburtsort: Paris
Sterbedatum: 17. Februar 1673
Sterbeort: Paris
 
Dieser Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker gilt den Franzosen als einer ihrer großen Klassiker und vielen sogar als ihr größter Autor überhaupt.

Molière (wie er sich erst später nennt) ist ältester Sohn eines wohlhabenden Pariser Händlers für Heimtextilien (tapissier), der 1631 das Amt eines Tapissier du Roi kauft, d.h. eines königlichen Raumausstatters und Dekorateurs. Mit 10 verliert er seine Mutter, mit knapp 15 auch seine Stiefmutter, beide "mortes en couches", was ihn sicher traumatisiert. Seine Schulzeit absolviert er auf dem von Jesuiten geführten Collège de Clermont, wo er eine solide klassische Bildung genießt und einige später für ihn interessante Mitschüler hat. Von seinem Großvater mütterlicherseits, einem Theaternarren, wird er häufig zu Aufführungen mitgenommen und erhält so erste Einblicke in diese ihn offenbar früh faszinierende Welt.

Mit knapp 16 legt er jedoch brav den Amtseid als künftiger Amtsnachfolger seines Vaters ab und studiert wenig später Jura in Orléans. Ob er sich, nachdem er 1641 zurück in Paris ist, als Anwalt versucht hat, ist ungewiss. Sicher ist, dass er um diese Zeit den Diskussionskreis um den Naturwissenschaftler und Philosophen Pierre Gassendi frequentiert, was ihm eine gewisse Distanz zu den Dogmen der Kirche vermittelt.

1642, mit 21, lernt er die zwei Jahre ältere Schauspielerin Madeleine Béjart kennen, die ihn in seinem Drang zum Theater bestärkt - zweifellos gegen den Willen seines Vaters, von dem er beauftragt wird, in Ausübung seines tapissier-Amtes Ludwig XIII. auf einer längeren Reise als Einrichter der wechselnden königlichen Nachtquartiere zu begleiten.

1643 überträgt er dann das ungeliebte Amt auf seinen jüngeren Bruder, lässt sich einen Vorschuss auf das Erbe seiner Mutter auszahlen und gründet zusammen mit den drei Geschwistern Béjart und fünf weiteren Schauspielern ein Theater: L'Illustre Théâtre. Dieses geht schon 1645 pleite, wobei Molière (wie er sich offenbar seit 1643, mindestens aber seit Juni 44 nennt) vorübergehend in Schuldhaft genommen wird. Danach schließen er und die Béjarts sich einer Wandertruppe an, die hauptsächlich in West- und Südfrankreich umherzieht und vom Duc d'Épernon protegiert wird.

Relativ schnell arbeitet Molière sich hoch zum Direktor dieser Truppe und gewinnt 1653 für einige Jahre (bis 1657) den Gouverneur der Provinz Languedoc, den ihm aus der Schulzeit bekannten Prince de Conti, als Sponsor. Spezialität der Truppe werden, neben dem gängigen Tragödien-Repertoire, Farcen und Komödien im Stil der Commedia dell'arte, wobei Molière spätestens 1655 mit L'Étourdi auch eigene Stücke ins Programm aufnimmt.

1658, nach 13 Wanderjahren, in denen er Menschen aus allen Schichten begegnet ist und von Grund auf sein Handwerk als Schauspieler, Theaterdirektor und schließlich auch Autor gelernt hat, gastiert er in Rouen und bekommt Kontakt zu "Monsieur", dem jüngeren Bruder von Ludwig XIV. Er wird nach Paris eingeladen und spielt vor dem Hof, zuerst mit mäßigem Erfolg die Tragödie Nicomède von Pierre Corneille, dann die eigene Farce Le Docteur volant. Diese gefällt dem jungen, eben 20-jährigen König so sehr, dass er der Truppe erlaubt, im Saal des an den Louvre grenzenden, zum Abriss bestimmten Petit-Bourbon zu spielen (wo allerdings die "jours ordinaires" Sonntag, Dienstag und Freitag schon einer italienischen Truppe um den berühmten Komödianten Scaramouche gehören).

Den Durchbruch erzielt Molière im November 1659 mit seiner Prosa-Komödie Les précieuses ridicules, wo er an den beiden Protagonistinnen, zwei naiven, etwas exaltierten Bürgermädchen, den manirierten Jargon und die wirklichkeitsfremden Denkweisen der "Preziösen" (einer Art Emanzen-Bewegung avant la lettre) persifliert - und sich erste Neider und auch Feinde schafft, darunter den Verwaltungschef der königlichen Schlösser, der quasi über Nacht und just zu Beginn der Spielzeit 60/61 den Abriss des Petit-Bourbon verfügt. Molière bleibt drei Monate ohne Spielstätte, ehe er vom König den Saal des Palais Royal zugewiesen bekommt.

Der nächste große Erfolg ist Ende 1662 L'École des femmes, eine Vers-Komödie, in der Molière (der soeben die 19-jährige Armande Béjart, eine Schwester oder Tochter Madeleines, geheiratet hat) für eine gemäßigte Emanzipation der jungen Frauen und ihr Recht auf eine Liebesheirat wirbt, womit er eine heftige Kontroverse auslöst, die er mit den Prosa-Stücken La Critique de l'École des femmes und L'Impromptu de Versailles weiter anheizt (beide 1663). Dem König scheint dies zu gefallen, denn er setzt Molière eine Pension von 1000 Livres jährlich aus und wird im Januar 64 sogar Taufpate seines ersten (allerdings bald danach verstorbenen) Kindes.

Im Mai 1664 - inzwischen ist er zum "maître de plaisir" von Ludwig XIV. avanciert - organisiert Molière ein dreitägiges Hoffest im neuangelegten Park von Versailles. Dort führt er nach den unverfänglichen (eigenen) Stücken La Princesse d'Élide, Le Mariage forcé und Les fâcheux eine erste Version der Vers-Komödie Le Tartuffe auf. Schon im Vorfeld der Aufführung hatten etliche Fromme am Hof gegen dieses Stück um einen scheinbar frommen, in Wahrheit aber herrschsüchtigen, raffgierigen und lüsternen Betrüger polemisiert. Nach der Aufführung bricht Empörung bei der gesamten "vieille cour" aus, einer Gruppierung meist älterer Höflinge, die sich um die fromme Königinmutter Anna von Österreich scharen und der Zeit vor 1661 nachtrauern, wo man unter ihr und ihrem Minister Kardinal Mazarin die Macht gehabt hatte. Der König, dem Molières Attacke auf die Frömmler und damit durchaus auch auf die ihm lästige "vieille cour" zunächst sehr recht gewesen war, hält es nun, unter dem Druck dieser Leute (die z.T. in einem bigotten Geheimbund, der Compagnie du Saint-Sacrement, organisiert sind), für opportun das Stück zu verbieten.

Die nächsten Jahre Molières sind bestimmt von seinem Kampf um den Tartuffe, gegen die Intrigen der "cabale des dévots" (=Klüngel der Frommen), in der z.B. auch sein ehemaliger Gönner mitwirkt, der nach einer Syphilisinfektion fromm gewordene Conti. Immerhin sieht sich Molière vom König insofern unterstützt, als er im Sommer 1665 seine Jahrespension von 1000 auf stolze 6000 Pfund erhöht bekommt und seine Truppe zur troupe du roi ernannt wird, beides übrigens kurz nach der Geburt seiner Tochter Esprit-Madeleine, die als einziges Kind überleben wird.

Im Sommer 1667 glaubt Molière eine überarbeitete und umbetitelte Version des Tartuffe in sein Programm aufnehmen zu können, doch der Premier Président des Pariser Parlements (der für den auf einem Feldzug in Flandern befindlichen König die Polizeigewalt ausübt) reagiert sofort mit einem Verbot, der Erzbischof von Paris bedroht Molière sogar mit Exkommunikation. Als dieser zwei Schauspieler mit einer Bittschrift zum König schickt, signalisiert der zwar Wohlwollen, tut aber nichts. Immerhin duldet er, dass der Prince de Condé (der ältere Bruder Contis) 1668 das Stück zweimal privat bei sich aufführen lässt.

Erst am 5. Februar 1669, als die "vieille cour" nach Anna von Österreich Tod (1666) endgültig entmachtet ist, Louis nach innen- und außenpolitischen Erfolgen fest im Sattel sitzt und keine Rücksicht mehr auf die frommen Gegner Molières nehmen muss, kann dieser den nochmals überarbeiteten Tartuffe aufführen - nun mit triumphalem Erfolg.

Inzwischen hat er übrigens das Thema der Heuchelei weiterverfolgt: Ende 1664, also bald nach dem ersten Verbot des Tartuffe, hatte er Dom Juan verfasst, ein Prosa-Stück über einen hochadeligen Heiratsschwindler und Freigeist, der, um sich den Nachstellungen empörter Geschädigter zu entziehen, eine Bekehrung zu christlicher Moral und Frömmigkeit vortäuscht, aber schließlich zur Hölle fährt. (Auch dieses Stück wurde, vermutlich wegen der nicht eindeutig negativen Darstellung von Dom Juans Freidenkertum, nach wenigen Aufführungen verboten.)

Im Juni 66 hatte Molière die Vers-Komödie Le Misanthrope herausgebracht, eine Satire auf die geheuchelte Nettigkeit und unehrliche Schmeichelei in den Pariser Salons und am Königshof, wobei im Hintergrund dieses vielleicht autobiografischsten Stücks des Autors aber noch zwei andere Problemkreise stehen, nämlich die Schwierigkeiten eines letztlich doch bürgerlich gebliebenen königlichen Protégés in der adeligen Hofgesellschaft sowie die Enttäuschung eines älteren liebenden Mannes durch eine kokette jüngere Frau (die sichtlich in vielem Molières 21 Jahre jüngerer Frau Armande ähnelt).

1668 (also nach dem Verbot auch der zweiten Tartuffe-Version) hatte Molière in der Vers-Komödie Amphitryon erstmals leise Kritik geübt an seinem hochmögenden, aber wenig zuverlässigen Gönner Ludwig XIV., der verschlüsselt auftritt in Gestalt des ganz ungeniert seinem sexuellen Lustgewinn nachgehenden Titelhelden Amphitryon alias Jupiter. In Georges Dandin (Prosa, ebenfalls 1668) hatte Molière bitter die Arroganz gebrandmarkt, mit der Adelige, selbst wenn sie verarmt sind, die gesellschaftlich nützliche Bourgeoisie verachten und ausbeuten zu dürfen meinen.

Insgesamt aber hatte er sich nach 1667 auf nicht-kontroverse Themen zu verlegen begonnen und versucht, mit Erfolgstücken sein Theater zu füllen und den König bei Laune zu halten. So schrieb er (neben anderen, heute weniger bekannten Stücken) 1668 L'Avare (Prosa), wo er den Typ des reich gewordenen, aber engstirnig und geizig gebliebenen Bürgers karikiert, der seine lebensfroheren und konsumfreudigeren Kinder fast erstickt; 1669 (nach dem endlichen Erfolg des Tartuffe) Monsieur de Pourceaugnac (Prosa), eine Klamaukkomödie, in der er einen dümmlichen Provinzler die quasi schon eingekaufte Braut an einen klügeren Rivalen verlieren läßt; 1670 Le Bourgeois gentilhomme (Prosa, mit Gesang- und Balletteinlagen), wo er die naive Sucht der Bourgeoisie nach Adelstiteln verspottet; 1671 Les fourberies de Scapin (Prosa), wo er in einer turbulenten Handlung um den pfiffigen Diener Scapin alle Register der Farce zieht; 1672 Les femmes savantes (Verskomödie), wo er das gewissermaßen falsche Bewusstsein dreier pseudogebildeter und pseudoemanzipierter Bürgerinnen karikiert, und schließlich 1673 Le Malade imaginaire (Prosa), wo er ein altes und mehrfach auch schon von ihm selbst bearbeitetes Thema gestaltet, nämlich die naive Medizingläubigkeit reicher Kranker und vor allem die Inkompetenz der von keinerlei Selbstzweifeln geplagten Ärzte - eine Inkompetenz, die dem selbst häufig kranken Molière (Tuberkulose?) nur allzu geläufig war.

Insgesamt verdüstert sich in diesen Jahren rasch sein Horizont: Der ständige berufliche Stress sowie die langen Querelen um den Tartuffe haben seine Gesundheit ruiniert; häufige Eheprobleme setzen ihm zu; ein drittes Kind stirbt bald nach der Geburt; es erkrankt und verstirbt auch seine langjährige Weggefährtin Madeleine Béjart; er muss erleben, wie der König einen Rivalen, den Opernkomponisten Lulli, zu favorisieren beginnt.

Der Malade imaginaire sollte das letzte Stück Molières bleiben und der Kranke seine letzte Rolle. Bei der vierten Aufführung am 17. Februar 1673 bricht er zusammen und stirbt kurz danach. Nur mühsam gelingt es seiner Frau Armande, den Widerstand des Gemeindepfarrers zu brechen und über den König beim Erzbischof von Paris die Genehmigung einer halbwegs ehrbaren Bestattung zu erlangen.

Die Truppe Molières bleibt unter Armandes Leitung zunächst bestehen, schließt sich aber, als Rivale Lulli den Saal des Palais Royal zugesprochen bekommt, der Truppe des Théâtre du Marais an. 1680 fusioniert diese auf Anweisung von Ludwig XIV. mit der Truppe des Hôtel de Bourgogne: die noch heute bestehende Comédie-Française ist geboren.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur
 
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